Schmitten - Allerheiligen

Innenraum der Pfarrkirche.jpeg
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Ursprünglich bildete Schmitten zusammen mit Wiesen und Alvaneu eine Pfarrei. Ihr Mittelpunkt war die alte Luzius-Kirche in Schmitten, bevor sie im 14. Jh. von St. Mauritius in Alvaneu abgelöst wurde. Eine Urkunde von 1490, die die Aufteilung der Pfrundgüter beider Gotteshäuser durch einen Schiedsspruch regelt, deutet dies an. Die Reformation bestand in Schmitten nur gerade zwischen 1573 und 1608. Im Jahr 1600 löste sich Schmitten kirchlich von Wiesen ab. 1718 trennte es sich schliesslich kirchlich auch von Alvaneu. Da Schmitten das letzte katholische Dorf in Richtung Davos war, wurde Davos bis ins 19. Jh. hinein von Schmitten aus seelsorgerisch betreut.

1470-1490 wurde die neue Pfarrkirche westlich von der alten St. Luzi-Kirche erbaut. Das Patrozinium vom Bistumsheiligen St. Luzi wurde bis 1688 beibehalten. Ab 1690 wurde dieses durch das Allerheiligenpatrozinium ersetzt.

1703-1706 wurde die spätgotische Kirche durch die Kapuziner aus Brixen in die heutige Form umgestaltet. Das ursprünglich flach gedeckte Langhaus wurde erhöht, ein neues Gewölbe gebaut und das Innere in barockem Stil ausgemalt.

1913-1915 wurde die Kirche erstmals renoviert und 1963-1970 neu restauriert, wobei die barocken Malereien wieder frei gelegt wurden. Danach wurde eine Empore eingebaut und die Kirche bekam eine Orgel der Firma Mathis in Näfels.1996-1998 wurde die Kirche erneut restauriert.

Zusammen mit der Luzius-Kirche erhebt sich die Pfarrkirche südlich von Schmitten auf einer länglichen, künstlich abgetragenen Hügelkuppe, die von einer niedrigen Mauer umfasst wird. Diese Baugruppe wurde 1707 am Fusse des Kirchhügels durch das Pfarrhaus und 1761 durch einen Kreuzweg mit 7 Stationskapellen ergänzt. Die 8. Kapelle bildet das Beinhaus auf dem Friedhof und enthält ein Heiliges Grab mit einer fein modellierten Christusfigur aus dem 18. Jh.

Im Westen des Langhauses steht der Turm, der fast die ganze Breite des Langhauses einnimmt. Die Eckquadrate in Sgraffito-Technik stammt aus der Zeit vor dem Umbau von 1706. Über dem Glockengeschoss stehen vier Dreieckgiebel mit einer hohen oktogonalen Turmspitze.

Durch eine gewölbte Vorhalle im Untergeschoss des Turms gelangt man in das dreijochige Langhaus. Der helle Innenraum bietet dem Betrachter durch den glanzvollen Altar und die Wandgemälde den originalen Raumeindruck aus barocker Zeit.

Die 1963-1970 wieder freigelegten Wandgemälde stammen aus dem Jahr 1706 und werden durch eine Signatur einem Kapuziner aus Novarra, dem Maler Carolus Josephus Camoletus zugeordnet, der wiederholt im Umkreis von Schmitten tätig war. In der Gewölbezone befinden sich Darstellungen des Hl. Michael als Seelenwäger, der Himmelfahrt Mariens und dem Salvator. Im Chor folgen Gottvater mit Engeln und Weltkugel und die Hl. Geist Taube. Die Schildbogen der Stichkappen bieten Raum für einen Zyklus der Apostel und Evangelisten, während die Apostel Petrus und Paulus den Hochaltar rahmen. Die beiden Apostel Thomas und Bartholomäus befinden sich seit dem Emporen-Einbau an der Westwand und der Hl. Mathias hinter dem Hochaltar. Auf der Empore befinden sich Darstellungen des Hl. Josef und die Taufe Christi am Jordan datiert mit der Jahreszahl 1706. An der Nordseite des Langhauses ist von links die Hl. Ursula, die Anbetung der Hl. Drei Könige und die Gottesmutter, die den Rosenkranz dem Hl. Dominikus übergibt, dargestellt. Die Bildfelder im Chor zeigen links die Stigmatisation des Hl. Franziskus und die Vision des Hl. Antonius von Padua.

Der Hochaltar stammt von einem unbekannten Meister und wird auf das Jahr 1711 datiert. Das Altarbild von 1700 zeigt die Hl. Dreifaltigkeit in der Himmelsglorie umgeben von einem vielfigürlichen Kosmos und stammt von Johann Bergmann. Unten links ist am Altarbild das Stifterwappen von Christian Ardüser sichtbar. Auf dem Gemälde im Auszug ist der Gekreuzigte mit den Assistenzfiguren Hl. Luzius (li) und Hl. Agatha dargestellt. Der reich verzierte Tabernakel in Form eines zweigeschossigen Tempietto mit bekrönter Kuppel entstand am Ende des 17. Jh. Gedrehte freistehende Säulen teilen den Aufbau muschelartig in geschlossenen Nischen, in denen zierliche Figuren stehen. Die Tabernakel-Türe mit dem Relief des Gekreuzigten flankieren die Kirchenväter Hl. Ambrosius und Hl. Augustinus, die nach Aussen vom Hl. Petrus (li) und Hl. Paulus ergänzt werden. Im oberen Geschoss stehen der Hl. Luzius im Zentrum, begleitet von den Heiligen Barbara, Margaretha, Josef und Stefan (von li). Als Bekrönung des Tabernakels steht eine Figur des Auferstandenen.

Der linke St. Anna- oder Frauenaltar stammt von 1633 und hat einen frühbarocken flachen Aufbau. Das Antependium aus dem Jahr 1792 mit dem Gemälde der Madonna mit Kind stammt aus St. Martin-Eison im Wallis. Im Zentrum des Altarbildes wird die Hl. Anna Selbdritt dargestellt. Am oberen Bildrand tummeln sich musizierende Engel in einer Wolkenglorie um ein Notenblatt mit dem vierstimmig gesetzten Ave Maria. Den Rahmen bilden Medaillons mit den Rosenkranzgeheimnissen, von denen jedoch nur noch drei erhalten sind.

Der Rosenkranzaltar rechts ist mit dem Jahr 1729 datiert. Der Aufbau und die Dekoration orientieren sich an den Hochaltar. Sein Antependium stammt aus einer Maiensäss-Kapelle von Selva ob Poschiavo. Das Gemälde zeigt in einem Rahmen aus Blumenranken die Madonna mit Kind, begleitet von den Hl. Karl Borromäus und Hl. Antonius. Auf dem Altarbild wird die Rosenkranzmadonna dargestellt umgeben von 15 Medaillons mit den Rosenkranzgeheimnissen. Oben im Auszugsgemälde wird das Martyrium des Hl. Sebastian geschildert.

Die Kreuzwegtafeln sind neugotisch und zeigen die Leidensgeschichte Jesu.

Die kleine St. Luzius Kirche steht am östlichen Ende des Kirchhügels hinter der Pfarrkirche von Schmitten. Das Patrozinium des Heiligen Luzius ist nicht urkundlich gesichert. Das Bildnis des Heiligen im Apostelzyklus in der halbrunden Apsis der Kirche und der Wechsel des Titels auf dem Neubau von 1490 weisen darauf hin, dass die Kirche dem Bistumspatron St. Luzius geweiht ist. Das neu gebaute Kirchlein wurde ursprünglich als Begräbniskirche genutzt.

Historisch ist das genaue Alter der Kirche nicht belegt, aber die Ausgrabungen von 1964 bezeugen, dass das Kirchlein auf die Fundamente von zwei Vorgängerkirchen gebaut wurde. Die Altarfundamente der ersten Vorgängerkirche gehen auf Ende des ersten Jahrtausends zurück. Die zweite Vorgängerkirche wurde durch einen Brand zerstört.

Die gotischen Wandmalereien stammen aus dem 14. Jh. und wurden von mehreren Malermeistern geschaffen. Aus dem Visitationsprotokoll von 1643 geht hervor, dass die Kirche damals dem Verfall nahe war, und dass das Dach eingestürzt war. Der Turm aus unbekannter Bauzeit stand damals zwar noch aufrecht aber ohne Dach und ohne Glocken. In der Folge wurde das Kirchlein als Beinhaus genutzt. Bei der Umgestaltung der Pfarrkirche 1703 wurde die St. Luzius-Kirche instand gestellt und mit einem höheren Dach und neuen Fenstern auf der Südseite versehen. Auch die Leistendecke im Schiff stammt aus dieser Zeit.

Bei der Restaurierung zwischen 1963-1970 kamen die gotischen Wandmalereien unter bis zu elf Kalkschichten zum Vorschein. Am 26. Juli 1970 erfolgte nach den umfassenden Restaurierungsarbeiten die feierliche Neuweihe von St. Luzius und der Pfarrkirche Allerheiligen durch den damaligen Bischof Johannes Vonderach. Eine Sanierung des Aussenbereichs schloss sich 1996 an. 2007 wurde ein Teil der inneren Fresken restauriert.

Die bescheidene Kirchenanlage ist aussen glatt verputzt und hat keine architektonischen Zierglieder. Auf dem alten gelblichen Aussenputz sind schlecht

erhaltene Spuren von Wandmalereien sichtbar, die weder stilistisch noch zeitlich eingeordnet werden können. Auf der fensterlosen Nordwand befinden sich gerahmte Bildfelder mit Bildfragmenten, die aus dem 14. Jh. stammen könnten. Auf der Südseite sind Fragmente einer Reiterfigur erkennbar. Zwischen den barocken Fenstern ist eine Szene der Geisselung Christi mit zwei Assistenzfiguren sichtbar.

Die Gotischen Malereien im Innern der Kirche vermögen den Betrachter in den Bann zu ziehen. Sie geben dem Raum eine architektonische Gliederung und entstanden im Zeitraum dreier Generationen. Die Bilder sind bedingt durch die Geschichte der St. Luzius-Kirche und durch restauratorische Ergänzungen in schlechtem Erhaltungszustand. In der Apsis sind die Bilder weitgehend im Original erhalten. Sie zählen zu der ältesten Malschicht im Kirchlein. Die biblischen Szenen auf der Nordwand hingegen mussten im Restaurierungsatelier aus Fragmenten zusammengesetzt werden. Auf der Südwand hat nur ein Motiv des Jüngsten Gerichts die Zeiten überdauert.

 

Die Bilder in der Apsis sind in drei Ornamentbänder eingeteilt. Farbig alternierende Ringscheiben und Wolkenbordüren dienen als Teiler. Unten ist der fragmentarische erhaltenen Sockel, dann folgt der Apostelzyklus und darüber eine Darstellung der Majestät Gottes in der Kalotte. Die Herrlichkeit Gottes zeigt Christus als Weltenherrscher in einer Mandorla auf dem Regenbogen thronend und das Buch des Lebens in der linken Hand haltend. Die rot grundierten Flächen der Wölbung nehmen paarweise angeordnete Medaillons mit den Evangelistensymbolen ein. Im Apostelzyklus wird das Fenster links flankiert von Paulus mit dem Schwert und rechts von St. Luzius als König dargestellt. Dieser hat in Churrätien um das Jahr 500 den Grundstein des Christlichen Glaubens gelegt und steht somit in direkter Nachfolge der Apostel.  

Die gotischen Wandmalereien mit Bibelszenen, die Bibel der Armen, zeugen von einer frühen Volksfrömmigkeit. Die Bilder zählen zu den Werken des Rhäzünser Meisters und seiner Nachfolger.

 

Quellen:Hans Batz, Die Kirchen und Kapellen des Kantons Graubünden, Bd.6, Chur/München 2004, Die Bibel der Armen in der Luzius-Kirche in Schmitten, Schmitten 1993, Erwin Poeschel, die Kunstdenkmäler des Kt. Graubünden, Bd.ll, Basel 193, Alfred Wyss, Schmitten GR, Die Kirchen St. Luzi und Allerheiligen, Basel 1974, Pfarrkirche Allerheiligen und Kirche St. Luzius, Kunstverlag PEDA, 2008