Stierva St. Maria Magdalena

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Stierva liegt auf einer hochgelegenen Terrasse am Südhang des Albulatales. Albulatal und Oberhalbstein zählten im frühen Mittelalter als Teil der karolingischen Verwaltungsorganisation zum oberrätischen «Ministerium Impetinis». In diesem Zusammenhang erfolgte um das Jahr 831 in einem Reichsurbar die erste Erwähnung von Stierva und seiner Kirche, die zum königlichen Lehen Obervaz zählte. Im 10. Jahrhundert schenkte Kaiser Otto der Grosse die in Rätien noch vorhandenen Königsgüter dem Bischof von Chur und so erscheint dann auch Stierva zwischen 1290 und 1298 im bischöflichen Einkünfterodel.

Die frühe Selbständigkeit der Pfarrei ging jedoch wieder verloren. Seit dem Mittelalter zählte die Kirche als Filiale zu St. Georg in Salouf. Politisch bildete Stierva dagegen mit Mutten und Obervaz seit 1367 ein eigenständiges Gericht, das in den Gotteshausbund eingeschlossen war. Im Jahr 1544 besass der Ort zusammen mit Mutten einen eigenen Pfarrer und hatte 1583 das Tauf- und Begräbnisrecht inne. Doch als Mutten 1570 zum reformierten Glauben übertrat, war es der kleinen Gemeinde unmöglich, allein den Unterhalt des Pfarrherrn aufzubringen, zumal die Pfründe der Kirche, nach Klage der Muttner und dem darauffolgenden Gerichtsbeschluss von 1583, geteilt werden mussten. Erst nach dem Einsetzen der von Tiefencastel ausgehenden Kapuzinermission, vermeldete der Landammann Joh. Bosse 1640, dass Stierva wieder seelsorgerisch betreut würde. Dies bestätigt auch der Visitationsbericht von 1643, der erwähnt, dass sich Stierva von der Pfarrei Salouf abgetrennt hat und nun von Tiefencastel aus pastoriert wird.

Die Pfarrkirche St. Maria Magdalena erhebt sich am Ortsrand in unmittelbarer Nähe eines mittelalterlichen Geschlechterturmes, direkt über dem steilen Abgrund, der das kleine Haufendorf nach Nordwesten begrenzt. Umfangreiche Ausgrabungen im Jahr 1980 brachten an der Stelle der heutigen Kirche drei Vorgängerbauten zutage, von denen der erste, eine Saalkirche mit Triumpfbogen und Apsis, wohl kurz vor der Nennung im Reichsurbar von 831 errichtet wurde. Nachdem ein zweiter, nahezu gleichartiger Bau, wohl einer Brandkatastrophe zum Opfer gefallen war, erfolgte um die Mitte des 14 Jh. ein Neubau, der das Schiff über die alte Apsis hinaus verlängerte und einen Rechteckchor anschloss. Auch die heutigen Turmuntergeschosse zählen zu dieser Bauphase, die wohl mit der Neuweihe von 1357 abgeschlossen wurde. Nach einem Kollektenantrag vom Dezember 1519 wurde die romanische Kirche durch den heutigen spätgotischen Bau ersetzt, der schon im Dezember 1521 vollendet werden konnte. Als Baumeister und Steinmetz ist Laurentius Höltzli aus Innsbruck im bischöflichen Fiskalbuch genannt. Erst nach 1530 erfolgte die Errichtung eines spätgotischen Flügelaltars, der aus dem Jahr 1504 stammte und zur Zeit der Reformation aus der Marienkirche von Scharans nach Stierva gebracht wurde. Aus diesem Grund erscheint die Patronin der Kirche, St. Maria Magdalena, erst an dem um 1660 ergänzten Tabernakelgehäuse.

Als weitere Baumassnahme wurde im letzten Drittel des 17. Jh. der Turm um das Obergeschoss erhöht.

Die Gesamtrenovation von 1813/14 umfasste auch den Einbau von Empore und Orgel. Bei einer weitere Renovierung 1922-24 wurde der Innenraum im Sinne der Neugotik umgestaltet. 1980/81 wurde die Kirche unter der Leitung von Architekt Georg Berther wieder restauriert. Aufgrund von Befunden im Innen- und Aussenbereich wurde die originale Farbfassung des 16. Jh. wiederhergestellt. Ausserdem wurde die Emporentiefe reduziert, die barocken Seitenaltäre an die Langhauswände versetzt und der 1928 nach Blitzschlag veränderte Turmabschluss wieder in den Vorzustand zurückversetzt. 2017 wurde der Altar durch die Berner Fachhochschule unter der Leitung von Prof. Karolina Soppa umfassend restauriert.

Die Pfarrkirche von Stierva liegt leicht erhöht inmitten des Friedhofs eingegrenzt von einem niedrigen Mauerring. Die Gliederung des Gebäudes erfolgt durch eine ockerfarbene Quadermalerei an der Sockelzone und den Kanten. Die Giebelfassade an der Südwestseite akzentuiert in der Vertikalen ein Spitzbogenportal mit spätgotischer Rahmung sowie ein Fenster mit ährenartig gestaltetem Masswerk. Das einheitliche Satteldach ist über dem Chor abgewalmt, während die Sakristei ein Pultdach besitzt. Die glatten Untergeschosse des Turmes aus dem 14. Jh. gliedern zwei übereinanderliegende Reihen von Schallöffnungen, die als gekuppelte Rundbogenfenster ausgebildet sind. Darüber erhebt sich die Glockenstube des 17 Jh., deren rundbogige Schallfenster von toskanischen Pilastern gerahmt werden. Als Abschluss folgt ein Gesims sowie ein Zeltdach mit Laterne, das aus der Zeit um 1800 stammt.

Im Innenraum dominiert das helle lichte Netzrippengewölbe der Spätgotik in seiner Farbigkeit. Dieses Gewölbe verfügt nicht nur über eines der komplexesten Rautensysteme, sondern besitzt darüber hinaus stilistische Eigenheiten, die es als ein nahezu einzigartiges Phänomen unter den spätgotischen Kirchen Graubündens erscheinen lassen. Das komplizierte Netzrippengewölbe setzt einerseits auf den Diensten, andererseits auf maskenartig gestalteten Konsolen an. Die Schlusssteine zeigen von Westen her einen sechszackigen Stern, einen durchbrochen gearbeiteten Vierpass sowie drei überkreuzte Fische als Symbol der Trinität. Die Ostwand trägt über dem Bogenscheitel eine Bauinschrift von 1519. Ihr beidseitig gefaster, spitzer Chorbogen schliesst durch seine Höhe die Raumvolumen von Schiff und Chor zusammen.

Das einschiffige Langhaus besitzt an seiner Südseite zwei Spitzbogenfenster mit Hausteingewänden. Der leicht eingezogene Chor im Nordosten teilt sich in zwei Joche mit Chorschluss, wobei das Gewölbesystem in seinen phantastischen Sternformen noch über das des Langhauses hinausgeht und so zum prächtigen Gehäuse des Altarschreins wird. Auch das Masswerk der Fenster ist entsprechend dazu im Chorschluss mit komplexeren Zierformen versehen. Die Schlusssteine sind als Scheiben oder glatte Wappenkartuschen ausgebildet. Die Ostwand trägt eine Bauinschrift von 1521. An der Nordwand befindet sich der Eingang zur Sakristei. Das beachtenswerte Türblatt mit IHS-Monogramm und Rankenschnitzerei stammt ebenfalls aus der Spätgotik. Östlich schliesst die 1980 wiederentdeckte, rechteckige Sakramentsnische an, die heute von der alten Tabernakeltüre mit der Darstellung einer Pieta verschlossen wird.

Der spätgotische Flügelaltar nimmt durch die hohe künstlerische Qualität seiner Figuren und Gemälde einen besonderen Rang ein. Der Flügelaltar soll aus der Werkstatt von Augustin Henkel stammen.

(Kunstführer durch die Schweiz, Hg. Gesellschaft für Schweizerische Kunstgeschichte, Band 2, Bern 2005)

Über der Pradella mit ihren drei leeren Bildnischen erheb sich der in der Mitte rechteckig überhöhte Schrein mit drei frontalen Relieffiguren. In der Mitte die Madonna, ihr Kind mit mütterlicher Geste umfassend und zugleich präsentierend. Seitlich von ihr die Patrone des Bistums Chur, links der Hl. Luzius im Königsornat, rechts der Hl. Florinus im Diakonen Gewand. Bekrönt werden die Figurennischen von filigranem Laubwerk, hinter dem sich an den inneren Seitenwänden zwei kleine Büsten verbergen, die einen Jüngling mit einer 1504 bezeichneten Schriftrolle sowie einen bärtigen Mann darstellen – vielleicht den Schnitzer und Maler dieses Altarwerks. Die geöffneten Flügel zeigen jeweils drei Reliefs mit ungewöhnlichen Details, so auf der linken Seite oben ein Brustbild des Propheten Jeremias, darunter den Tempelgang Mariens, gefolgt von Christi Geburt im Stall von Bethlehem, wobei das Kind anstatt in der Krippe in einer von einem Engel gehaltenen Mantelfalte seiner Mutter liegt.

Auf der rechten Seite ist oben der Prophet Jesaias, gefolgt von der Verkündung an Maria und der Anbetung der Könige. In geschlossenem Zustand sind auf den Aussenseiten der Flügel Gemälde mit Heiligendarstellungen zu sehen. Links oben das Brustbild eines Mönchs, darunter der Hl. Christophorus, der das Christuskind durch einen Wasserlauf trägt. Die anderen Szenen zeigen Heiligenpaare. Links unten Georg und Leonhard, rechts oben Barbara und Katharina, darunter Dorothea und Agatha, im Giebelfeld ein Bischof. Über dem Mittelschrein erhebt sich in der Mitte Johannes der Täufer, umgeben von Johannes Evangelista (re) und Jakobus Major, bekrönt von Christus als Schmerzensmann. Weitere Gemälde finden sich auf der Rückseite von Schrein und Predella. Oben eine Darstellung des Jüngsten Gerichtes, darunter das Schweisstuch der Veronika.

Das prachtvolle Tabernakelgehäuse (um 1660) erhebt sich auf einer 1980 geschaffenen Mensa und wurde bei der letzten Restaurierung um die Höhe der Tabernakeltüre verringert. Deren Funktion nimmt heute der Aussetzungstabernakel ein, dessen Türe ein Relief der Kreuzigung schmückt. Der vergoldete Aufbau besitzt die Form eines oktogonalen, zweigeschossigen Tempiettos mit geschweifter Kuppel und bekrönendem Kreuz. Er ist mit zahlreichen Heiligenfigürchen und Reliefs der Hl. Maria Magdalena geschmückt.

Die Seitenaltäre stammen aus der zweiten Hälfte des 17. Jh.. Sie sind einfache zweisäulige Retabelbauten mit Rundbogennischen mit Bandwerkornamenten besetzt. Der rechte Altar zeigt in der Mittelnische eine Figur der Hl. Maria Magdalena vom Anfang des 19. Jh., die Madonnenfigur links wurde mit alten Paramenten kostbar gekleidet. Anstelle der Seitenaltäre flankieren heute spätgotische Figuren den Chorbogen, die ursprünglich zum Altarschrein gehörten. Es sind dies zwei der 14 Nothelfer, rechts die Hl. Margaretha von Antiochia, die Patronin des Bauernstandes und links die Hl. Katharina von Alexandria, die als Fürsprecherin für das Gedeihen der Feldfrüchte gilt. Zwei Ölgemälde der Zeit um 1800 zeigen die Grablegung Christi und das Martyrium der Hll. Placidius und Sigisbert, die gemeinsam das Kloster Disentis gründeten. Das ungefasste Taufbecken aus Holz mit geschuppten Voluten und pyramidenförmigen Deckel stammt aus dem Jahr 1644.