St. Peter Mistail

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Die Klosterkirche Mistail und ihre Geschichte

Die Kirche St. Peter Mistail liegt auf einem Felsenplateau zwischen Tiefencastel und Alvaschein hoch über der Albula etwas einsam und abgelegen, auf der früheren Transitroute über den Septimerpass, heute auf der Route zwischen dem Engadin und den südbündnerischen Tälern Richtung Italien.

Mistail kommt von monasterium und heisst Kloster. Es ist in den Urkunden als monasterium wapitinis oder impitinis (= Tiefencastel) bezeichnet und gehörte später zur Gemeinde Alfosen oder Alvisinis (= Alvaschein).

Entstehungs- und Aufhebungsgeschichte

Die genaue Entstehungszeit der Klosterkirche Mistail ist nicht bekannt. Es wird aber vermutet, dass diese auf das 6 Jh. zurück geht und aus der Urpfarrei St. Ambrosius Tiefencastel entstanden ist. Die heutige Kirche Mistail wurde um das Jahr 770 erbaut. Erste Erwähnung des Klosters ist in einem Klagebrief von Bischof Viktor von Chur an Ludwig dem Frommen im Jahr 823. Früheste Urkunde von Mistail ist eine Schenkungsurkunde König Heinrich I. an Bischof Waldo von Chur am 3. November 926.

Es wird angenommen, dass das Kloster Mistail vom Frauenkloster in Cazis aus in einer Blütezeit des Konvents entstanden ist. Dies wird aufgrund desselben Kirchenpatrons (St. Peter) und der Nennung der beiden Klöster Cazis und Wapitinis in derselben Schenkungsurkunde an Bischof Waldo angenommen. Dazu war es damals ein bischöfliches Eigenkloster, über das der Bischof von Chur als Oberhirte alleine verfügen konnte. Später gingen dem Kloster Mistail durch Misswirtschaft und grössere Raubüberfälle viele Güter verloren und es geriet in Verfall. Mit Einverständnis von Papst Eugen III. wurde das Kloster im Jahr 1154 durch Bischof Adalgott aufgehoben, weil der Ort für eine Klostergemeinschaft ungeeignet schien und die Missstände im Kloster offensichtlich waren.

Die Kirche und die Güter des ehemaligen Klosters gingen an das Prämonstratenser-Kloster St. Luzi in Chur über. Durch Tausch kamen diese später in bischöflichen Besitz. Wie in einer Konsekrationsurkunde erwähnt, kam Mistail schliesslich 1397 in den Besitz von Alvaschein und wurde damals auch wieder neu geweiht. Als 1663 die St. Josephskirche in Alvaschein geweiht wurde, übertrug man das Allerheiligste von St. Peter in die Dorfkirche nach Alvaschein, damit wurde Mistail auch von der Urpfarrei Tiefencastel abgelöst. Bis 1679 begruben die Alvascheiner ihre Toten in Mistail. Von da an diente Mistail noch als Wallfahrtskirche.

In St. Peter wurden auch nach dem Bau der Kirche St. Joseph in Alvaschein weiterhin Gottesdienste abgehalten. 1746 erlaubte der Nuntius von Luzern, auf den beiden Seitenaltären in Mistail das Heilige Messopfer zelebrieren zu dürfen. Es fehlen sichere Quellen, dass Mistail das kirchliche Zentrum des Albulatals und des Oberhalbsteins gewesen sei. Früher trafen sich aber die Menschen von Surmeir (Albulatal und Oberhalbstein) hier, um den Gefallenen an der Calvenschlacht von 1499 zu gedenken. Bis vor wenigen Jahren trafen sich noch die Gläubigen aus Tiefencastel und Alvaschein zum gemeinsamen Gottesdienst in der Fastenzeit, am Mittwoch der Bittwoche, zum Gallustag und zum Patrozinium St. Peter und Paul. Leider sind diese gemeinsamen Gottesdienste durch den Glaubensabfall in der heutigen modernen Zeit und dem häufigen Priesterwechsel und Priestermangel bis auf das Patrozinium (29. Juni) in Vergessenheit geraten.

Bau und Baugeschichte

Bereits 1690 wurde St. Peter renoviert und barock ausgestattet. Aus dieser Zeit stammt auch die Holzdecke. Auf dem Ankerbalken sind schwarze Rankmalereien, ein Christusmonogramm und die Jahreszahl 1642 angebracht. Die barocke Innenausstattung mit Kanzel und Altären wurde 1967 im Zuge der geplanten Restauration entfernt. Von 1968-1969 wurden Kirche und Umgebung mit dem alten Klosterbau archäologisch untersucht. Nach der Restauration der karolingischen Kirche 1969-1979 kam St. Peter Mistail unter den Schutz von Kanton und Bund.

Leider sind keine Urkunden zur Baugeschichte von Mistail mehr erhalten. Die Baugeschichte kann nur aufgrund von archäologischen Untersuchungen ermittelt werden. Solche wurden in der Zeit zwischen 1968-1984 gemacht, konnten aber wegen fehlender Finanzierung erst teilweise ausgewertet werden. Archäologische Funde belegen jedoch, dass Mistail bereits von den Römern begangen und genutzt wurde.

Der fast intakte Dreiapsidenbau der Kirche Mistail ist ein Glücksfall in der Baugeschichte aus karolingischer Zeit. Die Kirche zeigt den einzigen unverbaut gebliebenen Dreiapsidensaal unseres Landes. St. Peter in Mistail dürfte in etwa in der gleichen Zeit wie die karolingische Klosterkirche St. Johann in Müstair entstanden sein. Letztere ist jedoch durch den Einbau spätgotischer Stützen und Gewölbe verändert worden.

1968/69 wurden südlich der heutigen Kirche in Mistail Reste eines älteren Sakralbaus zu Tage gefördert. Es wurden zwei Bauetappen nachgewiesen: einmal ein einfacher rechteckiger Raum, dann ein Rechtecksaal mit Apsis. Es wurden auch alte Gräber gefunden, die mit diesen Räumen in Beziehung standen. In der Restaurierungszeit zwischen 1968-1979 wurde die karolingische Kirche mit den drei Apsiden in ihre ursprüngliche, elementare Einfachheit zurückgeführt, so wie sie sich heute präsentiert.

Bauform und Ausmalung der Kirche

Reste des karolingischen Dachreiters an der Ostwand zeigen, dass das Satteldach ursprünglich flacher war. Die drei Apsiden an der Ostwand ruhen auf einen Sockel, wobei die mittlere Apside etwas breiter und höher ist als die beiden seitlichen Apsiden. Der Turm an der Westwand der Kirche wurde in gotischer Zeit (um 1400) angebaut und kann durch ein rundbogiges Portal vom Kirchenschiff her erreicht werden. Im Glockenturm hängen drei neuere Glocken. Zur gleichen Zeit wie der Turm sind auch das Beinhaus, das wahrscheinlich das Grab eines Stifters oder einer Äbtissin enthielt, und die Sakristei entstanden.

Der Chor mit den drei Apsiden, geht wahrscheinlich auf eine orientalische oder römische Bauform zurück. Seit dem 5 Jh. setzte sich der Brauch durch, in den christlichen Kirchen mehrere Altäre aufzustellen. Mistail zeigt den Typus einer spätantiken frühchristlichen Kirche, wie sie für das Gebiet der oberen Adria und Oberitaliens in dieser Zeit üblich war. Die drei Apsiden sind typisch für die Zeit und enthalten je einen karolingischen Altarblock und im Scheitel der Rundung ein rundbogig geschlossenes Fenster. Der Saal war durch eine Schrankmauer unterteilt, die Nonnen und Laien voneinander trennte. Heute wird durch eine niedrige Mauer der ursprüngliche Zustand angedeutet. Die Rundbogentüre an der Nordwand führte vermutlich zum Kreuzgang des Klosters, während sich auf der Südseite vermutlich der Friedhof befand.

Wenige Jahrzehnte nach dem Bau der Kirche wurden Wände und Apsiden mit Malereien in Freskotechnik ausgestattet. Reste dieser karolingischen Malereien sind 1974-76 in der Südapsis freigelegt worden. Die Bemalung dürfte denen der Kirche in Müstair entsprochen haben und zeigten szenische Darstellungen aus dem neuen Testament, dreifarbige Bänder und Friese. Die Westwand wurde durch ein monumentales jüngstes Gericht geziert. An den Seitenwänden sind spärliche Reste von Bildrapporten zu Tage gekommen. Die Bilder in der Mittelapsis und an der Nordwand sind in Kalksecco-Technik gemalt und entstanden um 1400/1410. Im 17 Jh. erhielt der ganze Innenraum ausser der Mittelapsis einen Kalkanstrich. Reste einer damals angebrachten Dekorationsmalerei sind an den Stirnwänden der Mittelapsis sichtbar (Girlanden und eine Darstellung des Hl. Petrus als Bischof) und über dem Kopf der monumentalen Christopherus-Darstellung.

Zu Beginn des 15 Jh. wurde die mittlere Apsis neu ausgemalt. An dieser liturgisch zentralen Stelle der Kirche war es gemäss der Tradition der Romantik gegeben, dass die thronende Christusgestalt in der Kalotte in der Mandorla sitzt als Alleinherrscher, als Pantokrat oder Majestas Domini. Er wird von den vier Evangelisten-Symbolen umringt. Unter ihm stehen die 12 Jünger mit ihren Attributen als Erkennungszeichen. Links vom Fenster steht Petrus mit dem Schlüssel und rechts Paulus mit dem Schwert. Die jungen und alten Männer stehen paarweise einander zugewendet, gleichsam als disputierendes Apostelkollegium, wie es im Hochmittelalter häufig zu finden ist. Durch die Abwechslung von Jungen und Alten wird eine monotone Darstellung vermieden. Die untere Bildzone zeigt Fragmente eines Drachenkampfes des Hl. Georg. Rechts der nachträglich ausgebrochenen Sakramentsnische sitzt der Hl. Georg auf einem Schimmel unter dessen Hufe sich der geflügelte Drache windet, dessen Rache von der Lanze des Reiters durchbohrt wird. Die eingefügte spätgotische Nische aus Stuckmasse hat die Szene unterbrochen. Links von der Nische sind noch die Kronen der königlichen Eltern der Prinzessin und Reste der Burg zu erkennen. Rechts von der Nische steht die Prinzessin, die der Hl. Georg laut der Legende aus dem 12 Jh. vor dem Drachen gerettet hat und die dann zusammen mit ihren Eltern zum Christentum übergetreten sind. In der Mitte unter dem Fenster steht ein Jüngling in voller Rüstung, mit Schild und Fahne. Dies könnte der Hl. Georg als junger Mann sein. Dies sollte die ritterliche Tapferkeit des jugendlichen Adels darstellen. Seit dem 14 Jh. wird der Hl. Georg zu den 14 Nothelfern gezählt und soll besonders gegen Krankheiten angerufen werden. Ganz rechts ist die Anbetung der Hl. Drei Könige dargestellt. Maria thront als Himmelskönigin mit dem Jesuskind auf dem Schoss, hinter ihr kniet Josef in Anbetung. Der älteste der Drei Könige kniet vor dem aufrecht sitzenden Jesuskind und hat die Krone ehrfurchtsvoll abgelegt. Hinter ihm ist ein König mittleren Alters, der auf einen sterntragenden Engel hindeutet und zum jüngsten der Drei Könige zurückschaut. Er trägt einen schlichten langen Reisemantel. Der blonde gekrönte Jüngling trägt einen für seine Zeit typischen, reich verzierten «Zadelrock». Die drei Könige vertreten im Bild zugleich die drei Lebensalter des Menschen. Der sterntragende Engel stammt aus der byzantinischen Tradition und ist hier zu Lande ein seltenes Motiv.

An der Nordwand ist der Hl. Christophorus in einer monumentalen Darstellung von ca. 7 m Grösse zu sehen. Christophorus steht frontal und trägt, wie sein Name es sagt, den segnenden jugendlichen Christus mit dem Reichsapfel auf seinem linken Arm. Rechts hält er einen Stab in der Hand mit einer Laubbaumkrone. Christophorus läuft barfuss durch den Fluss, in dem naturalistisch wiedergegebene Fische und eine doppelschwänzige gekrönte Nereide, eine Tochter des Meeresgottes Nereus, tummeln. Auffallend ist sein prunkvoller purpurner Mantel mit schematisiertem weissem Hermelinfutter. Nach der Überlieferung soll der Anblick dieses Heiligen vor jähem Tod, das heisst vor unversehenem Tod und damit vor ewiger Verdammnis wahren. Über dem Kopf von Christophorus sind noch jüngere Malereien erkennbar: ein Kännchen, eine Kopfkarikatur und eine Inschrift. Diese stammen aus dem 17 Jh., einer Zeit wo die meisten Bilder übermalt worden waren. Die Bilder in der Mittelapsis und die Christophorus Darstellung stammen aus dem Beginn des 15 Jh. (um 1410). Darauf deuten die Kostüme und die Rüstungen des Hl. Georgs und der Knappen unter den Hl. Drei Königen.

Die drei Szenen über dem Seitenportal sind auf der gleichen Verputzschicht wie das Christophorus-Bild gemalt und stammen wahrscheinlich aus der gleichen Zeit, wie die Bilder im Chor. Sie sind auf die Neuweihe der Kirche von 1397 zurück zu führen, stammen aber aus der Hand eines Malers aus der Region. Diese drei Bilder wurden bei der letzten Restaurierung der Kirche Mistail so vorgefunden und nur konserviert.

Links ist der Hl. Gallus frontal dargestellt, der andeutungsweise im Wald in der Steinachschlucht steht. Er befiehlt dem Bären, gemäss der Legende, Holz für den Bau der Zelle zu bringen. Über dem Bild ist die Inschrift S.GALUS. In Mistail wurde der Gründer des Klosters St. Gallen und Patron der Kranken sehr verehrt, das bestätigt die Neuweihe der Kirche am Gallustag 1397. Daneben ist die Kirchweihe dargestellt. Petrus, der Patron der Kirche Mistail, vollzieht als Papst die Weihe. Ihn kennzeichnen die Schlüssel in der Hand. Der Stifter der Kirche, in zeitgenössischer Kleidung (ausgehendes 14 Jh.) mit Schlauchkapuze und tiefliegendem Gürtel, steht betend unter der Fahne. Das dritte Bild ist der sogenannte «Feiertagschristus». Jesus ist frontal auf der Sense stehend dargestellt, ohne Nimbus, nur mit einem Leinentuch bekleidet und mit einigen Wunden bedeckt. Die handwerklichen und bäuerlichen Werkzeuge sind nicht die Leidenswerkzeuge der Passion Christi. Das volkstümliche Mahnbild fordert eine strenge Sonntagsheiligung. Wenn man sonntags mit diesen Geräten arbeite, werde Christus stets von neuem verwundet. Beachtlich ist in dieser Darstellung die Dokumentation der spätmittelalterlichen Werkzeuge.

Quellen:

Gesellschaft für schweizerische Kunstgeschichte GSK, Bern, «Kirche und ehemaliges Frauenkloster St. Peter Mistail», basierend auf «St. Peter Mistail GR», 1979 verschiedene Autoren, mit Nachträgen von H.R. Sennhauser 2011

Hans Batz. Die Kirchen und Kapellen des Kantons Graubünden. Band VI. Chur [o. J.], 120-125; Poeschel, Kunstdenkmäler, Bd. 2, 1937.

Kirchenarchiv Alvaschein; Geschichte der Pfarrei Alvaschein, Dr. phil. des. Silke Margherita Redolfi, Masein. 2016

Bilder: von Privaten zur Verfügung gestellt